Zurück zu allen Artikeln
AKTUELLES 30/05/2026

Richtig Tempo machen beim Ultramarathon

Bei einem Bergultra sagt die Durchschnittspace fast nichts aus. So baust du deinen Renn-Plan um Gelände, Belastung und Verpflegungsstellen auf - damit du stark ins Ziel kommst, statt nach dem ersten großen Anstieg einzubrechen.

Richtig Tempo machen beim Ultramarathon

Der größte Fehler bei der Tempogestaltung im Ultra passiert meist schon vor dem Start. Man schaut auf die Gesamtdistanz, legt eine Zielzeit fest, rechnet sie in eine Durchschnittspace um und baut einen Plan, der mit der echten Strecke nichts zu tun hat. So teilt man sein Tempo im Ultra nicht ein, wenn die Strecke steile Anstiege, technische Abfahrten, Wetterwechsel, lange Abschnitte ohne Verpflegung und Cut-offs hat, die schwerer wiegen als deine durchschnittliche Minute pro Kilometer.

Tempogestaltung im Ultra heißt nicht, eine Geschwindigkeit zu halten. Es heißt, die Belastung zu steuern, zu wissen, wo dich die Strecke ausbremst, und kluge Entscheidungen zu treffen, bevor sie teuer werden. Wer stark ins Ziel kommen, vorne mitlaufen oder einfach den langen Einbruch nach Kilometer 60 vermeiden will, muss seinen Plan ums Gelände und die Logistik herum bauen, nicht um Fantasie-Splits.

Tempo nach Belastung steuern, nicht nach Durchschnitt

Auf der Straße zahlt sich Gleichmäßigkeit aus. Im Bergultra zahlt sich Zurückhaltung aus. Das Gelände wechselt zu stark, als dass die Durchschnittspace für sich allein viel bedeuten würde - gerade im Gebirge, wo ein Kilometer 6 Minuten und der nächste 14 dauern kann.

Deshalb ist dein wichtigstes Werkzeug die Belastung. Früh im Rennen fühlt sich die richtige Belastung fast immer zu leicht an. Du solltest steigen können, ohne in den roten Bereich zu gehen, abfahren, ohne dich kaputtzubremsen, und die Verpflegungsstellen kontrolliert verlassen. Wenn du in der ersten Stunde eines 50ers oder in den ersten vier Stunden eines 100-Meilers das Gefühl hast zu racen, verbrennst du wahrscheinlich Energie, die du später brauchst.

Eine einfache Faustregel: Laufe die Flachstücke locker, gehe die steilen Anstiege bewusst und fahre nur so schnell ab, wie es deine Beine sich leisten können. Der Zielkonflikt liegt auf der Hand: Eine aggressivere Abfahrt kann Zeit bringen, aber auch deine Oberschenkel ruinieren und später Verpflegungsprobleme auslösen. Auf technischem Gelände zählt es oft mehr, die Beine zu schonen, als früh ein paar Sekunden herauszuholen.

Die Herzfrequenz kann helfen, aber nur, wenn du weißt, wie sie sich bei dir in Hitze, Höhe und Ermüdung verhält. Für die meisten Trailrunner bleibt das empfundene Anstrengungsniveau der bessere Anker, weil es sich in Echtzeit ans Gelände anpasst.

Baue deinen Plan um die Streckenabschnitte herum

Die besten Ultra-Pläne sind in Abschnitte unterteilt. Denke von Anstieg zu Anstieg, von Abfahrt zu Abfahrt, von Verpflegung zu Verpflegung. Das gibt dir realistische Kontrollpunkte und verhindert, dass ein schlechter Kilometer dein ganzes Rennen im Kopf aus der Bahn wirft.

Zerlege die Strecke zuerst in sinnvolle Abschnitte. Langer Anstieg. Ausgesetzter Grat. Flüssige, laufbare Abfahrt. Technischer Singletrail. Nachtabschnitt. Zäher Schlussweg zurück ins Ziel. Diese Abschnitte sagen dir weit mehr als jede Kilometermarke.

Weise jedem dann realistische Erwartungen zu. An einem großen Anstieg kann der Plan sein, die Belastung zu deckeln und alles zu gehen, was steil genug ist, um die Atmung über die Kontrolle zu treiben. Auf einer fließenden Abfahrt kann das Ziel effizientes Laufen ohne Muskelschaden sein. Auf laufbarem Gelände kannst du eine gleichmäßigere Frequenz und leichtere Kalorienaufnahme anpeilen.

Hier zahlt sich Streckenkenntnis aus. Steigungswechsel, Untergrund, Höhe und der Abstand zwischen den Verpflegungsstellen formen jede Tempoentscheidung. Wenn bei Kilometer 30 ein brutaler Anstieg wartet, muss dein Tempo bei Kilometer 15 das schon berücksichtigen. Wenn der längste Abschnitt ohne Verpflegung in die heißeste Tageszeit fällt, brauchst du davor genug Zurückhaltung und dafür genug Reserven.

Generische Split-Rechner verpassen all das. Ein geländebasierter Plan nicht.

Nutze Verpflegungsstellen als Kontrollpunkte

An der Verpflegungsstelle wird Tempogestaltung praktisch. Sie sind deine besten Kontrollpunkte, um Splits zu prüfen, die Verpflegung zu timen, über die Wassermenge zu entscheiden und Cut-offs im Griff zu behalten.

Statt zu fragen, ob du fürs ganze Rennen im Plan liegst, frag dich, ob du kontrolliert an dieser Verpflegung angekommen bist. Isst du nach Plan? Sind die Beine da, wo sie an diesem Punkt sein sollten? Hast du den letzten Anstieg überzogen? Bist du noch innerhalb der Belastungsgrenze, die du vor dem Start gesetzt hast?

Dein Plan sollte für jede Verpflegung geschätzte Ankunftsfenster enthalten, nicht nur eine einzige Zielzeit. So kannst du früh nachjustieren, bevor ein kleiner Tempofehler zum Problem fürs ganze Rennen wird.

Verpflegungsbezogenes Tempo hilft auch der Disziplin. Viele verlieren Zeit, weil sie Verpflegungsstellen als Erholungszonen statt als kontrollierte Boxenstopps behandeln. Bleib effizient. Fülle auf, was du auffüllen wolltest. Iss, was du essen wolltest. Geh den nächsten Abschnitt durch. Weiter.

Wenn du ein Tool zur Rennvorbereitung wie TrailSight nutzt, zeigt sich genau hier der Wert: die Strecke als Abschnitte zwischen den Verpflegungsstellen zu sehen, mit Höhenmetern, Geländekontext und cut-off-relevanten Zeiten statt nur als Linie auf einer Karte.

Respektiere das erste Renndrittel

Die meisten Ultras werden nicht im letzten Drittel verloren. Sie werden früh verloren und spät bezahlt.

Im ersten Drittel ist deine Aufgabe, dein Rennen zu schützen. Das heißt, Zeit herzugeben, die du dir vielleicht nehmen könntest, weil der Preis meist zu hoch ist. Wer den ersten Anstieg hochstürmt, sieht stark aus. Manche sind stark. Andere verbrennen Streichhölzer, die sie nicht ersetzen können.

Das richtige Anfangstempo hängt von der Distanz ab. Bei einem 50er kannst du offensiver laufen, wenn dein Training es trägt, aber auch dann bestrafen steile Anstiege und Hitze die Ungeduld. Bei einem 100er gewinnt ein sehr kontrollierter Start an Wert. Bei einem 100-Meiler ist Zurückhaltung keine Vorsicht. Sie ist das Rennen.

Ein einfacher Check: Wenn du an den ersten Anstiegen so schwer atmest, dass das Gespräch abreißt, geh raus. Wenn du Abfahrten nur deshalb bombst, weil sich die Beine frisch anfühlen, geh raus. Frische Beine führen zu schlechten Entscheidungen.

Passe das Tempo dem Gelände an, nicht dem Ego

Eines der Schwersten im Ultra ist zu akzeptieren, dass Gehen der richtige Zug sein kann. An steilen Rampen ist kraftvolles, effizientes Power-Hiking oft schneller als ein erzwungener Laufschritt, der die Herzfrequenz hochtreibt und die Waden zerstört.

Dasselbe gilt für technische Abfahrten. Ist der Untergrund locker, steinig oder sehr technisch, kann das schnellste haltbare Tempo konservativ aussehen. Dort Zeit holen zu wollen, kann dich durch Stürze, Zögern oder Muskelschaden weit mehr kosten, als du auf der Uhr gewinnst.

Hier zählt eine ehrliche Selbsteinschätzung. Wer bergauf ökonomisch läuft, kann am Anstieg Zeit gutmachen, ohne sich zu verausgaben. Ein guter Abfahrer holt sich bergab geschenktes Tempo. Aber diese Stärken zählen nur, wenn sie tief im Rennen wiederholbar bleiben. Wenn dein Bergab-Tempo nach 50 Kilometern verschwindet, war es nie Teil deines Plans. Es war Anfangseuphorie.

Plane den Einbruch, bevor er kommt

Jeder Ultra bringt ein gewisses Maß an Einbruch mit. Das ist normal. Der Fehler ist, so zu tun, als käme er nicht.

Dein Plan sollte die wahrscheinlichen Schwachpunkte berücksichtigen. Vielleicht fällt dein Tempo nach Einbruch der Dunkelheit. Vielleicht zerlegen lange Abfahrten deine Oberschenkel. Vielleicht erwischt dich die Hitze zwischen 12 und 15 Uhr. Wenn du dein Einbruchmuster kennst, kannst du dich davor schützen.

Das kann heißen: noch lockerer starten, die Kalorien vor dem üblichen Krisenfenster erhöhen, an späten Anstiegen früher aufs Gehen umstellen oder mehr Flüssigkeit in einen ausgesetzten Abschnitt mitnehmen. Kluges Tempo ist nicht nur Geschwindigkeitssteuerung. Es ist Energiesteuerung über das ganze Rennsystem hinweg.

Cut-offs spielen hier ebenfalls hinein. Hat ein Rennen enge Cut-offs, brauchst du vielleicht eine bewusstere Position am Start, ohne ins Überpacen zu kippen. Diese Balance ist streckenabhängig. Ein Rennen mit großzügigen Cut-offs erlaubt mehr Geduld. Ein Bergultra mit strengen Cut-offs kann an jeder Verpflegung eine schärfere Ausführung und weniger Zeitverlust an Anstiegen und Übergängen verlangen.

Teste dein Tempo im Training

Deine Tempostrategie kannst du nicht am Rennmorgen erfinden. Du brauchst Belege aus langen Läufen, Back-to-back-Einheiten und geländespezifischem Training.

Übe das Steigen bei haltbarer Belastung. Übe die Geh-Übergänge, bevor du dazu gezwungen wirst. Übe das Abfahren mit müden Beinen. Vor allem: Probe das Essen in Bewegung, bei Renntempo und auf rennähnlichem Gelände. Ein Tempoplan, der nur funktioniert, wenn der Magen perfekt ist, ist kein Tempoplan.

Nutze lange Trainingstage, um echte Abschnittszeiten zu prüfen. Wie lange brauchst du wirklich für 750 Höhenmeter, wenn es steil ist und der Untergrund schlecht? Wie stark bremst dich die Dunkelheit bergab? Was passiert mit deiner Leistung nach fünf Stunden, wenn die Verpflegung etwas knapp läuft?

Diese Antworten sind nützlicher als jede generische Pace-Tabelle.

Was tun, wenn der Tempoplan schiefgeht

Irgendwann passiert es. Das Wetter dreht. Der Magen rebelliert. Die Beine werden leer. Die Strecke geht härter als erwartet. Gute Läufer geraten nicht in Panik, wenn der Plan bricht. Sie setzen neu an.

Liegst du über der geplanten Belastung, geh raus, bevor sich der Schaden aufsummiert. Bist du im Rückstand, aber körperlich noch unter Kontrolle, bleib prozessorientiert und hol Zeit auf laufbaren Stücken und durch Effizienz an den Verpflegungsstellen zurück, nicht durch Attacken an den Anstiegen. Versagt die Verpflegung, repariere zuerst das. Keine Tempostrategie läuft lange schneller als ein Energiedefizit.

Die meisten Einbrüche entstehen, weil Läufer emotional reagieren. Sie geraten wegen eines schlechten Abschnitts in Panik, drücken, wo die Strecke es nicht zulässt, und machen aus einem beherrschbaren Problem ein rennbeendendes. Bleib analytisch. Komm zur nächsten Verpflegung. Bau dich von dort wieder auf.

Der stärkste Tempoplan ist der, der den Kontakt mit dem Trail übersteht. Kenne die Strecke. Respektiere die Anstiege. Setze Verpflegungsziele, die der Realität entsprechen. Und dann laufe den Tag, der vor dir liegt - nicht die Fantasieversion, die du am Schreibtisch gebaut hast.

Zurück zu allen Artikeln